Der Kreislauf der Gewalt: Die Dynamik in Gewaltbeziehungen

Sicherlich sind nicht alle Gewaltbeziehungen gleich, aber sehr häufig läuft die Gewalt in einer Partnerschaft nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit ab. Lenore E. Walker, Professorin für Psychologie an der University of Denver, Colorado, beschrieb bereits 1979 anhand ihrer jahrzehntelangen praktischen und wissenschaftlichen Arbeit mit misshandelten Frauen einen Gewaltzyklus, der inzwischen von vielen anderen Praktikerinnen und Wissenschaftlerinnen bestätigt und als Erklärungsmodell genutzt wird.

Kennzeichnend ist ein Kreislauf von Gewalt, der verschiedene Phasen umfasst, die sich kontinuierlich abwechseln:

1. Phase: Spannungsaufbau

Diese Phase ist geprägt von Abwertungen, Demütigungen, Beschimpfungen oder auch kleineren gewalttätigen Übergriffen. Das Opfer versucht, eine Eskalation zu vermeiden und den aufbrausenden Partner zu beschwichtigen. Es richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf den Täter, eigene Bedürfnisse und Ängste werden unterdrückt. Eine gewisse Zeit gelingt es dem Opfer noch, den Täter mit Hilfe von Methoden zu besänftigen, die sich bereits vorher als erfolgreich erwiesen haben.

2. Phase: Misshandlung

Ein äußeres Ereignis, z.B. eine Kränkung im Berufsalltag oder im Rahmen eines Beziehungsstreites, führt zu einem akuten Ausbruch von Gewalttätigkeit verbunden mit einem hohen Maß an Destruktivität. Auch wenn die Frau schon schwer verletzt ist, hört der Mann häufig nicht auf, sie zu misshandeln. Der erste Schlag erfolgt bewusst, der Mann erlebt sich als männlich aktiv und handelnd (Delegation der eigenen Angst und Ohnmachtsgefühle an die Frau), nach den ersten Schlägen sind häufig ein "Blackout" und Erinnerungslücken die Folge.

Opfer reagieren in der Phase körperlicher Misshandlung unterschiedlich mit Flucht, Gegenwehr oder Ertragen der Misshandlung. Wenn die Gewalt nicht durch Flucht oder Gegenwehr beendet werden kann, ist das Opfer den Misshandlungen ausgeliefert. Die Betroffenen wissen nicht, wann die Gewalt enden wird. Oft sind diese Situationen mit Todesängsten verbunden. Die erlittene Gewalt, der Verlust jeglicher Kontrolle, sowie die absolute Hilflosigkeit haben - neben körperlichen Verletzungen - schwerwiegende psychische Folgen.  Manche Opfer geraten in einen Schockzustand, der über Tage anhalten kann. Wenn in einem solchen Moment die Polizei gerufen wird, erscheint das Opfer vielleicht aggressiv, apathisch oder widersprüchlich in den Aussagen. Oft entwickeln Opfer von schwerer häuslicher Gewalt posttraumatische  Belastungsstörungen, die sich in Symtomen äußern. Typisch sind Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Ängstlichkeit, Verlust des Vertrauens in sich und andere Menschen.

3. Phase: Reue und Zuwendung

Nach einer akuten Misshandlung zeigt der Täter oft Reue und bemüht sich um ein liebevolles und zugewandtes Verhalten. Er möchte das Geschehene rückgängig machen und verspricht, sein Verhalten zu ändern. Er schämt sich, fühlt sich ohnmächtig. Hoffend, dass sich der Partner nun wirklich verändert, ziehen viele Opfer in dieser Phase häufig das Trennungsbegehren zurück oder widerrufen Aussagen, die sie z.B. im Rahmen eines Strafverfahrens gemacht haben. Viele Täter können ihre Versprechungen auch Drittpersonen gegenüber sehr glaubhaft darlegen. Manchmal wirkt daher auch das Umfeld dahingehend auf das Opfer ein, dem Partner doch zu verzeihen und nochmals eine Chance zu geben.

4. Phase: Abschieben der Verantwortung

Nach der Reue folgt oft eine Suche nach der Ursache das Gewaltausbruchs. Viele Täter empfinden die Gewalttat als etwas, das sie nicht kontrollieren können. Dementsprechend suchen sie die Gründe nicht bei sich selbst, sondern in äußeren Umständen (z.B. Alkoholkonsum, Schwierigkeiten bei der Arbeit) oder bei der Partnerin. Um sich zu entlasten, schieben sie dem Opfer zunehmend die Schuld für den Gewaltausbruch zu.

Auch das Opfer selbst bezieht einen Teil der Schuld häufig auf sich. Der Gedanke ist leichter auszuhalten, selbst "mit schuld" gewesen zu sein und damit auch über gewisse Einflussmöglichkeiten zu verfügen, als das Bewusstsein der absoluten Ohnmacht und Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Die Opfer übernehmen so Verantwortung für eine Tat, die sie nicht begangen haben und haben oft auch Schuldgefühle, weil sie das gewalttätige Verhalten des Partners nicht verhindern konnten. Als Folge müssen sich die Täter für ihr Verhalten nicht mehr verantwortlich fühlen.

Zunehmend kommt es nun zunächst wieder zu verbalen Attacken und dann erneut zu sich steigernden kleineren Gewaltakten, worauf ein neuer Zyklus beginnt.

Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Männer, die einmal zugeschlagen haben, das wieder tun werden. Je länger die Gewaltbeziehung existiert, desto kürzer werden die Abstände zwischen den einzelnen Gewalttaten und auch die Intensität der Gewalt nimmt zu. Wenn dieser Zyklus nicht (von außen) durchbrochen wird, stellt sich dieser Prozess wie eine Spirale dar, denn die von Gewalt bestimmten Auseinandersetzungen werden brutaler und die Phasen der Versöhnung werden immer kürzer.

 

Quelle
"Wege aus der Gewalt in Partnerschaft und Familie", Frauen informieren Frauen FiF e.V., Kassel, 2011